Der gemeinsame Weg von Qwant und Ecosia zu digitaler Souveränität und Datenschutz in Europa
Die digitale Souveränität Europas ist ein zentrales Thema der aktuellen Digitalpolitik. In einer Welt, in der Suchmaschinen wie Google und Bing die Informationssuche dominieren, stellt sich die Frage: Kann Europa unabhängig von diesen US-Tech-Konzernen suchen? Die European Search Perspective (EUSP), ein gemeinsames Projekt der europäischen Suchmaschinen Ecosia und Qwant, verspricht genau das. Im Februar 2026 hat das Projekt bedeutende Fortschritte gemacht, die nicht nur die technische Unabhängigkeit, sondern auch Datenschutz, Nachhaltigkeit und die Grundlage für eine europäische KI-Infrastruktur schaffen sollen.
Was ist die European Search Perspective?
Die European Search Perspective (EUSP) ist ein Joint Venture der beiden führenden europäischen Suchmaschinen Ecosia und Qwant, das 2023 gegründet wurde, um einen unabhängigen Suchindex für Europa zu entwickeln. Beide Unternehmen bringen ihre Expertise ein: Ecosia ist bekannt für seine nachhaltige Suchmaschine, die mit Suchanfragen Bäume pflanzt, Qwant ist die größte französische Suchmaschine mit einem starken Fokus auf Datenschutz. Die EUSP wird zu 50% von Ecosia und zu 50% von Qwant gehalten und als separates Unternehmen betrieben, das auch externe Investitionen ermöglichen soll, um langfristig zu skalieren.
Das Projekt zielt darauf ab, einen eigenen Suchindex aufzubauen, der nicht auf den APIs von Google oder Bing basiert, sondern eine eigenständige, europäische Infrastruktur nutzt.
Diese Infrastruktur heißt Staan (Search Trusted API Access Network) und ist speziell auf Datenschutz und Datensicherheit ausgelegt. Staan soll nicht nur den Suchmaschinen von Ecosia und Qwant dienen, sondern auch anderen europäischen Unternehmen und KI-Entwicklern als Grundlage für innovative, datenschutzkonforme Anwendungen.
Warum ein europäischer Suchindex?
Die Motivation für die EUSP ist vielschichtig und eng mit den aktuellen Herausforderungen der europäischen Digitalpolitik verknüpft:
- Digitale Souveränität und Unabhängigkeit: Europa ist derzeit stark abhängig von US-Tech-Konzernen, die die Such-, Cloud- und KI-Infrastruktur dominieren. Diese Abhängigkeit birgt Risiken, da politische oder kommerzielle Entscheidungen dieser Unternehmen direkte Auswirkungen auf europäische Nutzer und Unternehmen haben können. Die EUSP soll Europa mehr Kontrolle über seine digitale Infrastruktur geben und die Souveränität im digitalen Raum stärken.
- Datenschutz und Datensicherheit: Im Gegensatz zu Google und Bing, die umfangreiche Nutzerdaten sammeln und personalisierte Werbung schalten, setzt die EUSP auf einen datenschutzorientierten Ansatz. Die Suchinfrastruktur Staan ist so konzipiert, dass sie keine persönlichen Daten erhebt oder nutzt, sondern stattdessen neutrale, nicht-personalisierte Suchergebnisse liefert. Dies entspricht den strengen Datenschutzstandards der EU und den Zielen des Digital Markets Act (DMA) und Digital Services Act (DSA).
- Grundlage für KI-Infrastruktur: Der Aufbau eines eigenen Suchindex ist auch ein strategischer Schritt, um Europas Position im Bereich KI zu stärken. KI-Modelle benötigen große Mengen an Daten für Training und Betrieb. Ein europäischer Suchindex bietet eine transparente, sichere und unabhängige Datenbasis, die europäische KI-Startups und Forschungsinstitute nutzen können, ohne auf US-Anbieter angewiesen zu sein. Dies fördert Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.
- Nachhaltigkeit und ökologische Verantwortung: Ecosia nutzt die EUSP, um seine Mission des Klimaschutzes zu verstärken. Die Gewinne aus dem Projekt fließen zu 100% in Baumpflanzungsprojekte, was die EUSP zu einem der nachhaltigsten Suchmaschinenprojekte weltweit macht. Die Infrastruktur wird zudem mit erneuerbaren Energien betrieben, um den CO₂-Fußabdruck zu minimieren.
Stand Februar 2026: Wo steht das Projekt?
Die EUSP hat seit ihrem Start im vergangenen Jahr bedeutende Fortschritte erzielt:
- Rollout: Seit August 2025 werden etwa 30% der Suchanfragen in Frankreich über den neuen europäischen Index bedient. In Deutschland ist die Einführung ebenfalls angelaufen, mit dem Ziel, bis Ende 2026 etwa 33% der Suchanfragen abzudecken. Dies markiert den ersten produktiven Einsatz des Index und zeigt, dass die Infrastruktur funktioniert und skalierbar ist.
- Technische Meilensteine: Die Entwicklung von Staan (Search Trusted API Access Network) ist ein zentraler Erfolg. Diese Infrastruktur ermöglicht es, Suchanfragen datenschutzkonform zu verarbeiten und bietet eine API für andere Unternehmen, die auf den Index zugreifen möchten. Die EUSP ist offen für Partnerschaften und Lizenzierungen, um die Nutzung und Weiterentwicklung zu fördern.
- Partnerschaften und Kooperationen: Neben der Zusammenarbeit von Ecosia und Qwant gibt es Kooperationen mit europäischen Cloud-Anbietern wie OVHcloud, die die technische Infrastruktur bereitstellen. Die EUSP ist auch in Gesprächen mit weiteren europäischen Akteuren, um die digitale Souveränität gemeinsam zu stärken.
- Herausforderungen: Trotz der Fortschritte ist die EUSP noch nicht vollständig unabhängig von US-Tech-Konzernen, da für bestimmte Suchanfragen weiterhin auf Google und Bing zurückgegriffen wird. Die vollständige Unabhängigkeit bleibt ein mittelfristiges Ziel. Zudem sind Skalierbarkeit, Finanzierung und Wettbewerbsdruck weiterhin kritische Faktoren.
Technische und ethische Grundlagen
Die EUSP basiert auf mehreren technischen und ethischen Prinzipien:
- Datenschutz durch Design: Die Suchinfrastruktur Staan ist so konzipiert, dass sie keine persönlichen Daten erhebt oder speichert. Die Suchergebnisse sind nicht personalisiert, sondern neutral und transparent. Dies steht im krassen Gegensatz zu den Geschäftsmodellen von Google und Bing, die auf umfangreicher Datensammlung und personalisierter Werbung basieren.
- KI-Infrastruktur: Der Index dient als Grundlage für die Entwicklung von KI-Anwendungen, insbesondere im Bereich generative KI. Die EUSP ermöglicht es europäischen Unternehmen, KI-Modelle mit einer sicheren, unabhängigen Datenbasis zu trainieren und zu betreiben, ohne auf US-Anbieter angewiesen zu sein. Dies fördert die Innovation und Wettbewerbsfähigkeit Europas.
- Nachhaltigkeit: Die EUSP wird mit erneuerbaren Energien betrieben und verfolgt einen klimaneutralen Ansatz. Die Gewinne fließen vollständig in Klimaschutzprojekte, insbesondere Baumpflanzungen. Damit ist die EUSP nicht nur ein technologisches, sondern auch ein ökologisches Vorzeigeprojekt.
- Transparenz und Governance: Die EUSP ist als Joint Venture strukturiert, das externe Investitionen ermöglicht, aber gleichzeitig die Kontrolle in europäischen Händen behält. Die Lizenzierung des Index über eine API soll die Nutzung durch andere europäische Unternehmen fördern und eine breite, transparente Governance sicherstellen.
Kritik und offene Fragen
Trotz der vielversprechenden Ansätze gibt es auch Kritik und Herausforderungen:
- Teilweise Abhängigkeit von US-Tech: Die EUSP ist noch nicht vollständig unabhängig, da für bestimmte Suchanfragen weiterhin Google und Bing genutzt werden. Dies zeigt die Komplexität und den hohen Aufwand, einen vollständig eigenständigen Suchindex aufzubauen.
- Skalierbarkeit und Finanzierung: Der Aufbau und Betrieb eines Suchindex sind extrem kostenintensiv. Die EUSP muss langfristig genug Kapital akquirieren, um mit den etablierten Playern konkurrieren zu können. Die Struktur, die externe Investitionen ermöglicht, ist ein wichtiger Schritt, doch die finanziellen Herausforderungen bleiben groß.
- Wettbewerbsfähigkeit: Google und Bing dominieren den Suchmarkt mit umfangreichen Ressourcen und jahrzehntelanger Erfahrung. Die EUSP muss nicht nur technisch mithalten, sondern auch eine kritische Nutzerbasis gewinnen, um relevant zu bleiben. Die Nutzerakzeptanz und die Qualität der Suchergebnisse sind entscheidend.
- Regulatorische Herausforderungen: Die EUSP muss sich in einem komplexen regulatorischen Umfeld bewegen, das von europäischen Datenschutzgesetzen wie der DSGVO bis hin zu internationalen Tech-Regulierungen reicht. Die Spannungen zwischen europäischen und US-amerikanischen Tech-Regulierungen können das Projekt beeinflussen.
Fazit
Die European Search Perspective von Qwant und Ecosia ist ein ambitioniertes und vielversprechendes Projekt, das Europas digitale Souveränität stärken, Datenschutz verbessern und eine nachhaltige Alternative zu den dominierenden US-Tech-Konzernen bieten will. Mit dem Aufbau eines eigenen Suchindex und der Entwicklung der Staan-Infrastruktur hat das Projekt bereits jetzt bedeutende Meilensteine erreicht, insbesondere in Frankreich und Deutschland. Die Integration von KI-Infrastruktur und der Fokus auf Datenschutz und Nachhaltigkeit machen die EUSP zu einem wichtigen Baustein der europäischen Digitalpolitik.
Die European Search Perspective ist ein entscheidender Schritt für Europas digitale Zukunft. Ein Projekt, das nicht nur technologische Unabhängigkeit, sondern auch Datenschutz und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt stellt und damit eine echte Alternative zu den etablierten Tech-Giganten bietet.
Gleichzeitig sind die Herausforderungen nicht zu unterschätzen: Die vollständige Unabhängigkeit von US-Tech, die Skalierbarkeit, die Finanzierung und der Wettbewerbsdruck bleiben kritische Faktoren. Dennoch ist die EUSP ein wichtiger Schritt in Richtung einer europäischen digitalen Zukunft, die weniger abhängig, transparenter und nachhaltiger ist.
P.S. Ein Wechsel zu Qwant oder Ecosia ist bereits heute eine sinnvolle Alternative. Besonders für datenschutzbewusste Nutzer:innen gibt es keine überzeugenden Gründe, weiterhin auf Suchmaschinen von US-Big-Tech-Unternehmen zurückzugreifen.